Pressestimmen
Auf dieser Seite der Homepage des Landesseniorenrates Niedersachsen
veröffentlichen wir Presseartikel und Pressestimmen von überregionaler Bedeutung.
Berichte der regionalen Seniorenbeiräte und Seniorenvertretungen finden
Sie in der Rubrik „Arbeitsgemeinschaften" (AGs) unter „Berichte aus den Arbeitsgemeinschaften“.
Die Arbeitsgemeinschaft Weser-Ems des Landesseniorenrats Niedersachsen hielt am 25. August 2026 in Nordhorn ihre jährliche Mitgliederversammlung ab. Der Vormittag stand ganz im Zeichen der Frage des assistierten Suizids und des verantwortungsvollen Umgangs mit diesem Thema. Nachfolgend veröffentlichen wir – mit freundlicher Genehmigung des SoVD-Kreisverbands Grafschaft Bentheim – den Veranstaltungsbericht. Die Veröffentlichung in der SoVD-Zeitung erfolgt im Oktober 2026.
Zwischen Selbstbestimmung und Verantwortung:
Kontroverse Diskussion über assistierten Suizid
Experten beleuchten vor rund 140 Gästen medizinische, ethische und gesellschaftliche Fragen zum selbstbestimmten Sterben
Veranstalter, Gäster und Teilnehmer der Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Thomas Lehre, Alfred Koelmann, Hermann Thole, Markus Wenzel, Ute Muhs, Paul Meimberg, Katrin Marie Warstat und Martin Splett.
Nordhorn. Darf ein Mensch selbstbestimmt aus dem Leben treten – und welche Verantwortung tragen Gesellschaft, Medizin und Politik dabei? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion zum Thema „Assistierter Tod – zwischen Selbstbestimmung, Ethik und Verantwortung“, zu der der SoVD- Kreisverband Grafschaft Bentheim und der Landesseniorenrat Niedersachsen e. V. nach Nordhorn eingeladen hatten. Vier Expertinnen und Experten
beleuchteten das sensible Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Rund 140 Interessierte verfolgten die Diskussion, bevor sie sich im Anschluss mit eigenen Fragen und Erfahrungsberichten einbringen konnten.
Paul Meimberg, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Weser-Ems des Landesseniorenrates, und Thomas Lehre, Vorsitzender des SoVD-Kreisverbandes Grafschaft Bentheim, begrüßten die Gäste. Auf dem Podium diskutierten Dr. Martin Splett vom Bistum Osnabrück, Dr. Markus Wenzel von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e. V. (DGHS), Katrin Marie Warstat, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lingen und früher im Bereich Suizidprävention bei der Caritas tätig, sowie die Palliativmedizinerin Dr. Ute Muhs. Moderator war Dr. Hermann Thole, Palliativmediziner und Vorsitzender des Seniorenbeirates der Stadt Nordhorn.
Thole stellte zu Beginn die zentrale Frage: „Darf ein Mensch selbstbestimmt aus dem Leben treten?“ Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2020 sei das Recht auf selbstbestimmtes Sterben grundsätzlich anerkannt. Gleichzeitig fehle es weiterhin an einer umfassenden gesetzlichen Regelung, die insbesondere auch Ärztinnen und Ärzten Rechtssicherheit gebe. Wichtig sei dabei die Unterscheidung zwischen assistiertem Suizid und der in Deutschland verbotenen aktiven Sterbehilfe.
Wenzel verwies darauf, dass es 2025 in Deutschland rund 1.300 assistierte Suizide gegeben habe. Splett äußerte angesichts dieser Entwicklung die Sorge, „dass eine Normalität Einzug hält“. Er warnte insbesondere davor, dass alte oder schwerkranke Menschen das Gefühl entwickeln könnten, anderen zur Last zu fallen. Auch ein solcher subjektiv empfundener Druck müsse berücksichtigt werden, wenn über Selbstbestimmung gesprochen werde. Wenzel betonte dagegen, dass die Möglichkeit eines selbstbestimmten Todes für manche Menschen auch entlastend wirken könne. Viele hätten das leidvolle Sterben naher Angehöriger erlebt und fürchteten ein ähnliches Schicksal. Zugleich bestand zwischen beiden Einigkeit darin, zunächst alle Möglichkeiten auszuschöpfen, Menschen am Lebensende zu begleiten und Leiden zu lindern. Splett verwies dabei auf soziale Begleitung, das Ernstnehmen von Ängsten und Sorgen sowie eine umfassende Palliativversorgung.
Muhs berichtete aus ihrer ärztlichen Praxis von schwerkranken Menschen, die sie konkret um Hilfe beim Sterben gebeten hätten. Sie habe deren Entscheidung angesichts von Erkrankung, Schmerzen und Lebenssituation in einzelnen Fällen nachvollziehen können. Für Ärztinnen und Ärzte sei die Situation aufgrund der rechtlichen Unsicherheiten jedoch schwierig.
Warstat betonte die Bedeutung der Suizidprävention und möglicher Alternativen. Auch wenn Entscheidungen in schweren Einzelfällen nachvollziehbar sein könnten, dürfe Suizid nicht zur Normalität werden. „Ist Suizid immer der einzige Weg oder gibt es auch andere Möglichkeiten, ein würdevolles Sterben zu ermöglichen?“, fragte sie und verwies unter anderem auf Hospizarbeit und Palliativversorgung.
Diskutiert wurde zudem, wie sich feststellen lässt, ob ein Sterbewunsch tatsächlich selbstbestimmt ist. Wenzel erläuterte, dass bei der DGHS ärztliche und juristische Fachleute unabhängig voneinander mit Betroffenen sprächen und deren Wunsch prüften. Eine Begleitung könne auch abgelehnt werden.
Muhs verwies auf besondere Schwierigkeiten bei kognitiven Einschränkungen wie einer Demenzerkrankung. Splett forderte klare Schutzmechanismen und rechtliche Absicherungen. Warstat riet dazu, sich frühzeitig mit den eigenen Vorstellungen vom Lebensende auseinanderzusetzen. Einig waren sich die Podiumsteilnehmenden darin, dass die Möglichkeiten der Palliativmedizin stärker bekannt gemacht und ausgeschöpft werden müssten. Sie könne Leiden am Lebensende erheblich lindern, habe aber auch Grenzen.
Wie persönlich das Thema viele Menschen bewegt, zeigte die anschließende Diskussion. Mehrere Gäste berichteten teils sehr emotional vom Sterben naher Angehöriger. Eine Teilnehmerin schilderte unter Tränen das Leiden ihres verstorbenen Bruders und fragte, warum es so schwierig sei, schwerstes Leiden zu beenden, wenn entsprechende Möglichkeiten vorhanden seien.
Die Diskussion zeigte, dass es beim assistierten Suizid keine einfachen Antworten gibt. Selbstbestimmung und der Schutz vulnerabler Menschen, medizinische Möglichkeiten und ihre Grenzen sowie ethische Überzeugungen müssen gegeneinander abgewogen werden. Die große Resonanz mit rund 140 Teilnehmenden verdeutlichte zugleich, wie groß der gesellschaftliche
Gesprächsbedarf ist.
Auf dem Foto von vorn links beginnend, in Kreis linksum: Günter Lendzian stellv. Vorsitzender, Paul Meimberg AG Weser-Ems, Horst Grund Gast, Dietmar Scholtz u. Rainer Knop AG Braunschweig, Volker Perschmann AG Weser-Ems, Hans-Joachim Dodenhof AG Lüneburg, Silke Volz-Auerbach AG Hannover, Angelika Bär Schatzmeisterin, Helmut Sündermann stellv. Vorsitzender, Harald Sommerfeld 1. Vorsitzender LSR Nds. Foto: Hildegard von Thadden,

Quelle: Text mit freundlicher Genehmigung der "Schaumburger Nachrichten" vom 13. 06.2026

